Geschichte

Eine zeitliche Zusammenfassung unserer Aktivitäten

Anfang 1996 trafen sich einige Schüler, die die Elektronik als gemeinsames Hobby hatten. Zuerst wurde zuhause gebastelt und repariert, tiefgefrorene, zentnerschwere Rechner vom Sperrmüll nach hause gezottelt und bei häufigen Treffen wusste man sich auszutauschen. Seit dieser Zeit wuchs auch das Arsenal an Bauelementen und technischen Unterlagen. Bei Exkursionen und Betriebsbesichtigungen entstanden die ersten Fotos. Im Laufe des Jahres 1997 ergab sich die Möglichkeit, im Kellergeschoss einer als Kinder- und Ferienverein genutzten Kinderkombination im Stadtteil Silberhöhe in Halle Räumlichkeiten umzubauen und als Werkstatt herzurichten. Nachdem wir nebenbei noch einen beträchtlichen Teil der Gebäudetechnik und Telefonanlage verlegt hatten, konnten wir einen großen, schmucken Raum mit Ziffernschloss an der Tür, Alarmanlage und allem drum und dran unser Reich nennen. Bei Veranstaltungen versuchten wir Jüngere für das Hobby Elektronik zu begeistern und ihnen den Computer als Maschine näher zu bringen. Viele Eltern erinnerten sich beim Betrachten der Maschinen an ihre Arbeitszeit im volkseigenen Betrieb.

Leider verschlechterte sich das Klima in diesem Verein zusehends. Die Leitung wurde monatlich durch eine neue ABM-Stelle substituiert, zunehmend kam es im Gebäude zu Diebstählen und Zerstörungen durch Rowdys. Einige Zeit später mussten wir in einen anderen Raum umziehen, der noch im Rohbauzustand war und nur einen kleinen Lichtschacht und keinen Stromanschluss hatte. Unsere alten Räume (es waren nun schon drei geworden), sollten an eine Wäscherei vermietet werden. Dann beschloss das Management, dass unser Raum ein neues Schloss bekommen müsste und wir jedesmal oben nach dem Schlüssel fragen mussten, was sich schwierig gestaltete. Auch war die Nutzung in der Ferienzeit plötzlich untersagt (gerade dann, wenn viele Interessenten im Haus waren). Als dann mehrfach bei uns Geräte gestohlen und Sachen zerstört wurden, die Tür aber unbeschädigt war, und wir nachhakten, bekamen wir plötzlich Hausverbot. Der Verein lebte nur noch einige Monate und danach wurde das Gebäude zugemauert. Es brannte mehrfach, wurde zerstört, unter Wasser gesetzt...

Im Winter 2003 war es möglich, begünstigt durch Mauerspechte, die das Gebäude wieder öffneten, in unseren stark verwüsteten Raum vorzudringen und die Geräte, Unterlagen, Datenträger und Werkzeuge zu retten, die der Plünderung und Zerstörung und dem Einfluss das Wassers widerstehen konnten. Seither ist es in drei Wohnungen in Halle ziemlich eng.

Mehrere Versuche zwischen 2002 und 2005, neue Räumlichkeiten mit Unterstützung der Stadt oder lokalen Vereinen zu finden scheiterten an der allgemein maroden finanziellen Lage.

Mittlerweile zeichnete sich ab, dass es zunehmend schwieriger wurde, technische Zeitzeugnisse des DDR-Alltags zu finden. Wir systematisierten unsere Suche. Es entstand in monatelanger Arbeit die Industrieliste, ein Verzeichnis von DDR-Industriebetrieben mit Adresse, Art des Betriebes, Produktion und was heute dort steht. Unterstützt durch GPS führen uns unsere Urlaubsrouten (so das Geld für Benzin da war) in die wichtigen Regionen der DDR Industrie. An vielen Stellen stießen wir auf Interesse und hilfsbereite Leute, die Himmel und Erde in Bewegung setzten und im hintersten Winkel ihres Kellers noch ein Stückchen Technik fanden, welches sie uns anvertrauten. Wesentlich öfter hörten wir ein "Ihr kommt zu spät!". Leider erinnern sich viele Leute, auf DDR-Technik angesprochen, an eher negative Aspekte ihres Arbeitsalltages zu dieser Zeit und wollen dazu nichts erzählen. Von zahlreichen Geräten kennen wir die Konstrukteure und sie leben noch, aber wir sind auf uns allein gestellt und fangen an, die Schaltungen zu erkunden wie die Altertumsforscher die Hieroglyphen der Pyramiden.

Der MDR konnte uns im Rahmen der Sendung "Mach Dich ran" helfen, als es um den Elektronikschrottcontainer der halleschen Stadtwirtschaft ging, wo viele rare Ersatzteile und so mancher Eigenbaucomputer aus der DDR landete. Leider ist dieses Unternehmen trotz vieler Kooperationsvorschläge unsererseits sehr unfreundlich und abweisend geworden. Vielleicht überlegt sich das ja Frau Blüml noch einmal, wenn unsere AG größer geworden ist. Dank des MDR fanden wir auch zu mehreren als verschollen geltenden Rechenanlagen. Einmal das 1994 verlassene Rechenzentrum einer Drahtfabrik und der Prozeßrechner eines der größten Braunkohlenkraftwerke.

Durch Studienkontakt ergab sich im Laufe der Jahre 2005/06 der Kontakt zum SCI e.V. (Sachzeugen der chemischen Industrie) und dem Deutschen Chemiemuseum an der Hochschule Merseburg. Zuvor wurden die Rechentechnik-Exponate dort von ABM-Kräften be- und teilweise aufgearbeitet. Diese standen nun nicht mehr zur Verfügung und so fand der SCI bald in uns pfiffigen Ersatz. Jedoch sollte es bei einem solchen nicht einfach bleiben. Schon bald begann die "Abteilung Rechentechnik" beim SCI in wundersamer Eigendynamik zu wachsen. Kooperationen zwischen anderen Vereinen und Museen wurden realisiert - sowohl bei Reparaturen, Ersatzteilproblemen, wie vor allem auch bei der Suche nach Dokumentationen.

Zwischen 2006 und 2012 wurde ein Großteil des Digital-AG Gerätebestandes von Halle nach Merseburg gebracht und viele Geräte repariert. Parallel dazu gingen die Streifzüge und Bergungsaktionen weiter und dieses Webprojekt entstand, um unsere Arbeit zu dokumentieren und den Kontakt zu Gleichgesinnten zu finden. Aufgrund bestimmter Großrettungsaktionen wie dem R4201 von NILES Berlin, die Audatec aus Thierbach oder die ESER-Technik aus Markkleeberg (die vielen Bürocomputer und Komponenten nicht mitgerechnet!) konnten wir kontinuierlich die restlichen Lücken in der Sammlung schließen und in einigen Entwicklungslinien nun schon sämtliche Gerätetypen zeigen. Der Platzbedarf wuchs gewaltig und ließ sich durch Komprimierungsmaßnahmen nur noch bedingt abfedern. Gefährlich könnten uns bald die Pläne für das Gebäude werden, in welchem wir mit dem SCI sitzen. Es soll abgerissen werden. Alternativen werden seit Mai 2012 gesucht - jedoch nicht, ohne die Bindung zum SCI und der chemischen Industrie unserer Region zu verlieren.

Für die Zukunft planen wir, alle gefundenen Zeugnisse in betriebsbereiter, vorführbarer Form der Öffentlichkeit in einer Dauerausstellung zugänglich zu machen und darüber hinaus jungen Interessenten nahezubringen, dass ein Radio mehr als nur ein schwarzer Kasten ist, aus welchem Musik kommt. In der reichen und modernen Hochtechnologiegesellschaft, in welcher wir in unserem Land leben, ist die hobbymäßige Auseinandersetzung mit der Elektronik, der Computertechnik und ihren Schnittmengen wie Mikrocontroller, Steuern und Regeln sowie Programmierung nicht überholt und überflüssig - sie sollte vielmehr als ein Gebiet schöpferischer Entfaltung, gemeinschaftlicher Beschäftigung und additivem Lernens betrachtet werden.

Im November 2013 erwarben wir, getrieben von den fortschreitenden Abrißplänen an der Hochschule Merseburg, einen Getränkemarkt im Osten von Halle. Das über 600m² große Objekt sollte nun Zukunftssicherheit und den nötigen Platz bringen, unseren zahlreichen Geräte auch aufzubauen und funktionstüchtig aufzubereiten. Zwischen 17.12.2013 bis 06.06.2014 zog unser Museum in über 100 Fahrten von Merseburg nach Halle. Parallel dazu wuchsen wir durch neue Bergungsaktionen weiter. Stand Juli 2014 ist der Aufbau noch immer nicht vollständig abgeschlossen aber viele Geräte befinden sich in der Ausstellung bereits an Ort und Stelle und sind angeschlossen. Eine offizielle Eröffnung gab es am 01.11.2014, bei der eine ganze Menge Besucher da waren. Im Anschluß wurde weiter an den ausgestellten Geräten gebaut und der Bestand weiter vergrößert. So ergab sich im Frühjahr/Sommer 2014 eine Großbergung im Porzellanwerk Ilmenau, eine Bergung im Zeiss Planetarium Berlin und 2015 die Übernahme einer K1840 aus dem Kraftwerksmuseum Hirschfelde. Wir bleiben auf jeden Fall dran!

Das begleitende Webprojekt dazu:
Computer- & Technikmuseum Halle

letzte Änderung: 12.01.2016 23:23